Irgendwann kommt der Moment, in dem du weißt, was du schuldest. Alle Posten auf dem Tisch. Und dann sitzt du da und fragst dich:
Womit fang ich an?
Das ist keine dumme Frage. Das ist die entscheidende Frage. Weil die Antwort darüber bestimmt, ob du in drei Jahren schuldenfrei bist – oder ob du nach sechs Monaten aufgehört hast, weil du keinen Fortschritt gesehen hast.
Es gibt zwei Methoden, die sich durchgesetzt haben. Beide funktionieren. Aber nicht für jeden gleich gut. Ich erklär dir beide ehrlich – mit Zahlen, ohne Schönreden – und sag dir am Ende, was ich empfehle.
Methode 1: Die Schneeball-Methode
Prinzip: Du greifst zuerst die Schuld mit dem kleinsten Restbetrag an. Alle anderen Schulden bekommen nur ihre Mindestrate – keinen Cent mehr. Den Betrag, den du darüber hinaus jeden Monat erübrigst, steckst du komplett in diese eine Schuld.
Wenn die erste Schuld weg ist, nimmst du alles, was du dort eingezahlt hast, und packst es auf die nächste obendrauf. Die Schlagkraft wächst mit jeder abbezahlten Schuld.
Deswegen heißt es Schneeball: langsam anfangen, dann immer mehr Schwung aufbauen.
Schneeball-Methode – worum es geht
Kleinste Schuld zuerst. Schnelle erste Erfolge. Motivationsprinzip. Mathematisch nicht optimal, aber psychologisch oft die stärkere Wahl.
Methode 2: Die Lawinen-Methode
Prinzip: Du greifst zuerst die Schuld mit dem höchsten Zinssatz an. Auch hier bekommen alle anderen nur die Mindestrate. Alles extra geht in die teuerste Schuld.
Die Logik dahinter ist klar: Hohe Zinsen kosten dich jeden Monat Geld. Je schneller du die teuerste Schuld loswirst, desto weniger Zinsen zahlst du über die gesamte Laufzeit.
Mathematisch ist die Lawinen-Methode effizienter. Punkt.
Lawinen-Methode – worum es geht
Teuerste Schuld zuerst. Maximale Zinsersparnis. Mathematisch optimal. Aber der Weg bis zum ersten Erfolgserlebnis kann lang sein.
Jetzt die ehrliche Gegenüberstellung
Nehmen wir drei reale Schulden. Monatlich stehen 150 € extra für Tilgung zur Verfügung:
| Schuld | Restbetrag | Zinssatz | Mindestrate |
|---|---|---|---|
| Kreditkarte | 900 € | 19,9 % | 30 €/Monat |
| Ratenkredit | 3.800 € | 8,5 % | 110 €/Monat |
| Dispo | 1.200 € | 12,0 % | 50 €/Monat |
Schneeball-Methode: Die 150 € gehen in die Kreditkarte (kleinster Restbetrag: 900 €). Nach etwa 5 Monaten ist sie weg. Erster Durchstrich. Dann 180 € in den Dispo (nächstkleinste). Nach weiteren 6 Monaten auch erledigt. Dann 330 € in den Ratenkredit – der fällt in unter einem Jahr.
Lawinen-Methode: Die 150 € gehen in die Kreditkarte (höchster Zinssatz: 19,9 %). Gleiche erste Schuld, gleiche Zeit – weil sie zufällig die kleinste UND die teuerste ist. Dann 180 € in den Dispo (zweithöchster Zinssatz: 12 %). Dann 330 € in den Ratenkredit.
In diesem konkreten Fall: beide Methoden führen zur selben Reihenfolge.
Das ist kein Zufall. Bei vielen Menschen ist die teuerste Schuld auch eine der kleineren – weil teure Schulden wie Kreditkarten oder Dispositionskredite in der Regel begrenzt sind. In solchen Fällen macht es schlicht keinen Unterschied, welche Methode du wählst.
Wann es einen Unterschied macht
Die Methoden weichen wirklich voneinander ab, wenn eine große Schuld gleichzeitig die teuerste ist.
Beispiel: Du hast einen Ratenkredit über 12.000 € zu 14 % Zinsen und daneben einen Ratenkredit über 1.500 € zu 6 %.
Die Lawinen-Methode schickt alles in den 12.000 €-Kredit. Das spart Zinsen – aber bis dieser Kredit abbezahlt ist, vergehen vielleicht zwei, drei Jahre. Ohne einen einzigen Durchstrich.
Die Schneeball-Methode schickt alles in den 1.500 €-Kredit. Der ist in vielleicht 10 Monaten weg. Erster Durchstrich. Dann geht alles in den großen.
Ich hab das Nachgerechnet. Bei typischen Konsumschulden liegt der Zinsunterschied zwischen beiden Methoden oft bei ein paar Hundert Euro über mehrere Jahre. Kein Pappenstiel – aber kein Betrag, der die Entscheidung einfach macht.
Meine ehrliche Empfehlung
Ich sag dir, was ich gemacht hab: Ich hab mit der Schneeball-Methode angefangen. Und ich würde es wieder so machen.
Nicht weil ich schlechter in Mathe bin. Sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, monatelang zu zahlen und nichts abzuhaken. Das ist kein gutes Gefühl. Und schlechte Gefühle führen dazu, dass man aufhört.
Meine Faustregel:
- Schneeball, wenn dir Motivation wichtig ist – oder wenn du weißt, dass du zum Aufhören neigst
- Lawine, wenn du eine klare Zahlenpersönlichkeit bist und weißt, dass du auch ohne Durchstriche dranbleibst
- Egal, wenn deine teuerste und kleinste Schuld dieselbe ist – dann macht die Methode keinen Unterschied
Und falls du dir nicht sicher bist?
Nimm die Schneeball-Methode. Das ist kein Kompromiss. Das ist eine bewusste Entscheidung für Durchhaltevermögen über theoretische Effizienz.
Was wirklich zählt
Ich hab viele Menschen getroffen, die monatelang über die „richtige Methode" nachgedacht haben – und dabei gar nichts getilgt haben. Das ist das Schlimmste, was passieren kann.
Beide Methoden sind besser als keine Methode. Starte. Wähle eine Reihenfolge. Halte sie durch.
Die perfekte Strategie, die du nicht umsetzt, ist weniger wert als die zweitbeste Strategie, die du jeden Monat durchziehst.
Schreib heute Abend deine Schulden auf. Alle. Mit Betrag, Zinssatz, Rate. Dann entscheid dich – Schneeball oder Lawine – und fang morgen früh an.
Der erste Stein schubst sich nicht von selbst.

